Kolumne Storchendorf Raisting

Liebe Gartler im heißen Juni,
 
es ist so heiß, dass man denken könnte man ist eines der Brote die die Goldmarie von Frau Holle aus dem Ofen ziehen soll. Wir sind schon längst durchgebacken hol uns raus, absolut stöööhn.
 
Gott sei es gedankt war es am 19. Mai, als ich zur Begehung im Storchendorf Raisting bei der Adebarbesichtigung mit Herrn Mark Meinert von der VHS war, noch nicht so heiß. Herr Meinert macht die ganzen Naturführungen für die VHS vom Ammersee bis zum Murnauer Moos, total kompetent.
Es waren rund drei Kilometer Fußweg durchs ganze Dorf zu gehen um die 35 Storchenpaare auf ihren in ganz Raisting verteilten Horsten zu sehen. Jedes Paar hat so um die zwei bis vier Junge, obwohl das vierte meist schlechte Karten hat. Es war ein erhebendes Gefühl die „Glücksbringer“ so nah beobachten zu können. Übrigens hat Raisting noch einige Bauern, ich war angenehm überrascht. Die meisten der Storchenkinderla waren da schon ca. drei bis vier Wochen alt und wurden immer von einem Elternteil bewacht, der oben am Horst meist unbeweglich stand. Wenn der jeweilige Partner kam, begrüßten sie sich mit in den Nacken gelegten Köpfen und einem kräftigen Schnabelgeklapper. Das war und ist lustig anzusehen. Der Vater oder die Mutter gehen abwechselnd zum Jagen. In der ersten Woche leben die Störchle ( was gäb ich jetzt für ein „Störchle-radler“, das würde heute zischen) großteils von Regenwürmern um das nötige Wasser zu erhalten. Die Storcheneltern bringen nämlich kein extra Wasser. Bald können auch Frösche, Eidechsen, Schlangen, Käfer, Mäuse und sogar Ratten gebracht werden. Das fand ich sehr spannend, dass die Störche Mäuse fressen. Von denen gibt es ja nach manch bäuerlichen Angaben zur Zeit sehr viele. Sie brauchen für einen Jungvogel so ca. 400 bis 500 Gramm Nahrung am Tag und für sich auch noch ca. ein Kilo. Da müssen sie sich schon sputen. Sie können also eine Ratte ganz hinunter schlucken, da sie die Tiere nicht zerkleinern können. Ist das nicht unglaublich was durch den kleinen Schlund alles hindurch muss und für die Jungvögel sogar wieder herauszuwürgen ist? Nebenbei bemerkt, das Aufpassen auf die Jungvögel heißt „Hudern“. In Raisting sind zu den Horsten, die auf den Dächern stehen, auch viele auf gekappten oder abgebrochenen Bäumen zu finden, wie in der Natur. Manches Nest ist ein bisschen schlampig gebaut, davon fallen auch mal Horste auf den Boden herab, so müssen sie einen neuen bauen, na vielleicht sind das ja die Jungvögel, die eigentlich nach zwei Jahren geschlechtsreif sind, aber meistens nach drei Jahren erst selber brüten und noch nicht so firm sind mit der Architektur. Herr Meinert sagte, dass man einmal die Jungstörche eines Nestes bereift hat und diese sind tatsächlich über den Bosporus geflogen bis nach der Türkei. Oft fliegen sie noch weiter bis zum Sudan oder sogar bis nach Südafrika. In der Türkei sind die bereiften Jungvögel bis zur Geschlechtsreife zwei Jahre geblieben und hierher zurückgekommen. Ein langer Weg, das habe ich mal in einem Film gesehen und soo fürchterlich weinen müssen, weil sich der Storch, den man gefilmt hatte, über dem Wasser so sehr angestrengt hat, dass er den Schnabel ganz weit aufgerissen und nach Luft gerungen hat. Es ist nämlich schwer über das Wasser zu fliegen, da sie dort keinen Aufwind haben, aber unbedingt an das andere Ufer kommen müssen. Denn wenn sie ins Wasser fallen, bedeutet das den sicheren Tod. Da wird’s mir heute noch schwer ums Herz, wenn ich mir das vorstelle, aber er hat es geschafft. Die meisten Störche ziehen aber nicht mehr so weit fort, sondern bleiben oft in Mitteleuropa.
Nun bin ich ganz abgeschweift von den Raistinger Störchen. Ein großes Dilemma, das die von Störchen geliebten Gemeinden mit den Schreitvögeln haben, ist der Kot. Wir haben an diesem Abend vier „Rausscheisserchen“ beobachtet. Das heißt, die Kleinen tapsen an den Rand, drehen sich am Nestrand um und koten über die „Brüstung“ ab. Herr Meinert sagte, so viele an einem Abend habe er noch nie abkoten sehen. Da kommen schon ein paar Kilo Schei… zusammen, bis sie nach ca. 60 Tagen flugreif sind und sich im Außenbereich selber ihre Nahrung suchen und nicht mehr über den Dächern ihre Notdurft verrichten müssen.
Ich fahre jede Woche nach Diessen, dort ist auch ein Storchenpaar, das hat die letzten zwei Jahre ihre Jungstörche nicht durchgebracht, weil es in `24 und ´25 nach den Eisheiligen nochmal so kalt und nass war. Wenn die Federn nass werden, ist es nicht wie bei Enten, die sich mit Fett einreiben und trocken bleiben, die Störche werden einfach klitschnass und brauchen zum Trocknen sehr lange Zeit und wenn es nur noch regnet, werden sie dann gar nicht mehr trocken und damit nicht mehr warm. So sind die Diessener Jungvögel die letzten zwei Jahre irgendwann tot auf der Strasse gelandet Dieses Jahr sind in Diessen alle durchgekommen und ich hoffe in Raisting auch. Herr Meinert hat noch viel mehr erzählt, aber alles kann ich heute nicht berichten.
 
Da wir ja in Denklingen auch Störche haben und diese Glücksbringer sein sollen, so wünsche ich Euch viel Storchenglück und Gottes reichen Segen für den Juli.

Eure Lucia

© Fotos sind von Katja Pohl

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